Im kalten Wasser!

Jetzt ist es also soweit: Elternzeit für Väter ist angesagt. Am Eingang der „Margelle“, einer kleinen Klitsche, in der frischgebackene Eltern mit ihren Neugeborenen die ersten Schritte zur postnatalen Resozialisierung unternehmen, richten sich ein Dutzend neugierig-musternder Augenpaare auf mich und meinen Kleinen. Ich scanne die Location nach Gefahren. Alles Frauen, keine Gefahr für Leib und Leben, keine schießwütigen Desperados oder Höhlenbären. Stattdessen diese fragenden Blicke: PACKT DER DAS mit dem Kleinen?

Rückblick: Nach zehn Monaten Mutterschutz drückte mir meine Angetraute heute Morgen meinen Erstgeborenen in die Hand und verabschiedete sich gutgelaunt in die Arbeitswelt. Ich habe einmal geschluckt, mir den Hinterkopf gekratzt, den Kleinen eingepackt und bin in meine Elternzeit für Väter gezogen. Unterwegs fiel mir brühwarm ein, dass die Checkliste, die mir meine Chefin gestern noch in weiser Voraussicht angefertigt hatte, ungelesen auf dem Küchentisch liegt. Kein Problem, et hätt noch immer jotjejange. Ging es natürlich nicht! Dass ich die Ersatzkleidung vergessen hatte, war erst dann ein Problem, als mein Nachfahr eine halbe Wasserflasche über sich verschüttete – weil ich die kindergerechte Trinkflasche vergessen hatte.

Elternzeit für Väter: Papas ante portas?

Elternzeit für Väter ist eine generationsbedingte Institution im Wandel. In der Nachkriegszeit quasi ausgeschlossen, steigt die Zahl der Väter, die sich der Erziehung ihrer Kinder widmen, langsam aber stetig an. Mittlerweile geht mehr als jeder vierte Vater in Elternzeit. Allerdings reduziert sich die Elternzeit bei Vätern meistens auf wenige Monate. Das ist nicht mehr als ein ausgedehnter Urlaub und hat wenig mit dem zu tun, was so ziemlich jede Mutter diesbezüglich leistet. Über 90 Prozent der Mütter nehmen mindestens ein Jahr Elternzeit, aber nur sieben Prozent der Väter. Laut statistischem Bundesamt beträgt die durchschnittliche Elternzeit in Deutschland bei Müttern 11,6 Prozent, bei Vätern 3,1 Prozent. Eine erhebliche Diskrepanz, die sich natürlich aus der Historie erklärt. Wie mir meine Mutter erzählte, gab es Elternzeit für Väter damals nicht. Viele Männer haben sich zu ihrer (d.h. meiner) Zeit sogar geweigert, auch nur den Kinderwagen zu schieben.

Allerdings bezweifle ich, dass viele Väter am Ausgangspunkt wissen, auf was sie sich einlassen, bzw. was sie verpassen…

Allerdings bezweifle ich, dass viele Väter am Ausgangspunkt wissen, auf was sie sich einlassen, bzw. was sie verpassen.Im westlichen Kulturkreis hat sich das zum Besseren gewendet. Allerdings bezweifle ich, dass viele Väter am Ausgangspunkt wissen, auf was sie sich einlassen, bzw. was sie verpassen. Deshalb hier ein mit empirischen Beispielen belegter Problemaufriss.

Age matters: Väter in Elternzeit sind heute keine jungen Hüpfer mehr

Wenn wir einmal von den stark reduzierten Lebensumständen von Hochbetagten absehen, hat jedes Alter seine Vor- und Nachteile, seine spezifischen Herausforderungen und Limitationen. Die Mär von der unbegrenzten Fruchtbarkeit des Mannes hält sich hartnäckig, dabei hat die Wissenschaft in letzter Zeit eher darauf hingewiesen, dass die männliche Fruchtbarkeit in westlichen Gesellschaften dramatisch abnimmt. Fakt ist, dass Väter immer älter werden, obwohl es dazu kaum Statistiken gibt. Gibt man in die gängigen Suchmaschinen „Alter der Väter bei Geburt“ ein, erhält man als Ergebnis: „Alter der Mutter bei Geburt“. Frauen gebären in Deutschland ihr erstes Kind im Schnitt mit 30, Männer werden mit durchschnittlich 35 Jahren Väter. Bei jüngeren Vätern (unter 25) ist das Kind meist ungeplant. Das heißt aber auch, dass die Zeit, in der Männer sich mit der Frage Elternzeit für Väter ernsthaft beschäftigen, oft mit dem Anfang der Midlife-Krise korreliert.

Kommt ein Mann in die Midlife-Krise, gibt es in der Regel nur drei Auswege: die Affäre mit einer Blondine, der rote Sportwagen oder das Gründen einer Rockband. Dieser Trias, die vereinzelt auch in Kombination auftritt, war über Jahrzehnte kaum zu entkommen. Aber im neuen Jahrtausend scheint ein Hoffnungsschimmer am Horizont aufzuleuchten: Elternzeit für Väter! Während die erste Variante billig (oder perspektivisch teuer), die zweite lächerlich und umweltschädlich und die dritte talentabhängig ist, passt die Alternative gut in die Zeit. Dies ist auch der Situation geschuldet, dass die emanzipatorisch-zeitgeistliche Entwicklung vom Manne edukatorische Partizipation nicht nur fördert, sondern nachgerade fordert. Doch Obacht: drum prüfe redlich, wer sich dergestalt verpflichtet. Eine Ehe kann geschieden, der Sportwagen verkauft, die Rockband aufgelöst werden. Das Kind als Lösung einer mentalen Krise ist genau der falsche Ansatz: Kinder machen glückliche Paare noch glücklicher, aber sie verschärfen die Krise bei Paaren, die eher eine Partnerberatung bräuchten als ein Kind.

Nichts ist alternativlos, auch nicht die Elternzeit für Väter. Nur haben Alternativen eben oft den Nachteil, schlechter zu erscheinen, als die Lösungen, die man als alternativlos bezeichnet. Also gilt es, in der Familie ganz grundsätzlich zu prüfen, ob man in der Lage und willens ist, diese Aufgabe zu übernehmen. Besonders schwierig ist dies bei alleinerziehenden Vätern bzw. Vätern, die getrennt von der Mutter leben. Aber gehen wir vom zahlenmäßigen Normalfall aus, der Familie aus Vater, Mutter und Kind. Natürlich kann – und muss – man sich in die Elternzeit reintasten und Learning-on-the-Job bleibt auch bei der Auszeit vom der Arbeit nicht aus. Dennoch sollte man sich mental und praktisch gründlich vorbereiten. Hier drängen sich drei Fragen auf:

  1. Kann und muss ich ein adäquater Mutterersatz sein?
  2. Kann ich während meiner Elternzeit für Väter ertragen, dass meine Frau die Kohle einfährt, während ich auf die Mütterrente (man beachte die ausschließlich weibliche Form des Terminus) hoffen muss.
  3. Was kommt praktischerweise im Alltagsleben auf mich zu?

Die biologisch-emotionale Ebene: bitte keinen Wettbewerb

Eines vorneweg: Väter in Elternzeit können niemals Mutterersatz sein. Versucht es erst gar nicht. Während Müttern von der Gesellschaft eine betreuerische Grundkompetenz qua Natur zugestanden wird, scheinen Väter diese erst nachweisen zu müssen. Da sich die männliche Natur oft durch den Wettbewerb definiert – mein Auto, mein Haus, meine Yacht –, ist die Mutter schnell die Opponentin. So habe ich gelegentlich beobachtet, dass ich selbst, aber auch die wenigen Männer, die ich in meiner „Feldstudie“ zu „Elternzeit für Väter“ beobachtete, mit der Mutter unbewusst in einen Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Kindes eintraten. Das ist nichts anderes als schlecht kaschierte Unsicherheit und der Versuch, sich gegenüber der Außenwelt in der neuen Rolle zu rechtfertigen.

Dabei ist doch klar: Die biologisch-hormonelle Verbindung zwischen Kindern und Müttern ist eine andere als die zwischen Kindern und Vätern. Und das hat nicht nur mit dem Stillen zu tun, bei dem sich Männer – gelinde gesagt – schwertun, sondern mit der engen Beziehung zwischen Mutter und Kind während neun Monaten Schwangerschaft. Das kann nicht kompensiert werden. Im Idealfall sind wir die Bezugsperson 1b – und das gilt es zu akzeptieren, auch wenn es schwerfällt. Betrachten wir das Ganze lieber als Positivsummenspiel, mit Gewinnen für alle. Freuen wir uns, wenn das Kind sich im Zweifel lieber der Mutter zuwendet und nicht dem Vater, weil das zeigt, dass die Mutter, trotz der berufsbedingten Abwesenheit, eine perfekte Verbindung mit dem Kinde hat. Nutzen wir die gewonnene Zeit für Metallica, Star Wars und die Bundesliga (alternativ darf es auch wie bei Adenauer die Rosenzucht sein, Hauptsache es rockt!).

Eine gelungene Elternzeit für Väter manifestiert sich auch im Finden des eigenen Weges…

Auch sollten wir es unterlassen, die Methodik und den Zugang der Mutter nur zu kopieren. Eine gelungene Elternzeit für Väter manifestiert sich auch im Finden des eigenen Weges. Es bleibt nicht aus, dass man sich von der XX-Seite ungewollten Ratschlägen ausgesetzt sieht. Mal abgesehen davon, dass diese oft sehr nützlich, weil erfahrungsbasiert sind, kann man sich ganz generell in eine Rolle nur dann wirklich hineinfinden, wenn man sie zur eigenen macht. Den eigenen Weg, von dem man wirklich überzeugt ist, sollte man nicht leichtfertig verlassen und ihn notfalls gegenüber anderen Vorstellungen durchhalten und durchsetzen. Im Klartext: Das Kind lernt Gitarre, nicht Flöte!

Die pekuniäre Ebene: begründete Angst vor dem Karriereknick

„Eine Auszeit nehmen“, diesen Ausdruck hört man oft im Zusammenhang mit Elternzeit für Väter. Dabei ist die Begrifflichkeit grottenfalsch, weil sie komplett am Kern der Sache vorbeigeht. Elternzeit ist kein Ersatz für die Auszeit vom Job, sondern sie sollte eine bewusste Entscheidung für das Kind und für die Elternschaft sein. Also: In-Zeit für das Baby, keine Auszeit vom Job.

Elternzeit ist kein Ersatz für die Auszeit vom Job, sondern sie sollte eine bewusste Entscheidung für das Kind und für die Elternschaft sein…

Elternzeit, ob für Frau oder Mann, kann natürlich einen Karriereknick bedeuten. Die Nachteile, die Frauen bezüglich des Verdienstes und der Aufstiegschancen haben, sind dokumentiert und im öffentlichen Diskurs omnipräsent. Ob Männer mit Nachteilen zu rechnen haben, wird kaum diskutiert, obwohl die Zahl der Fälle doch steigt.

In dieser Hinsicht gilt es zu unterscheiden, ob der Betreffende eher am Anfang, im Zenit oder am Ausklang einer Karriere steht. Viele Väter streben mit 35-40 Jahren langsam einem Höhepunkt in der Karriere zu, Führungspositionen winken. Frauen, bei Geburt des ersten Kindes im Schnitt fünf Jahre jünger, sind fünf Jahre weiter vom Karrieregipfel entfernt. Das würde also heißen, dass Frauen die entscheidenden Jahre für die Karriere verpassen. Leider ist das so. Sie verschieben das Kinderkriegen, um eine gute Ausbildung zu haben, aber verpassen mit einer super Ausbildung die Phase, in der sich die entscheidenden Netzwerke für die Vergabe von Top Jobs bilden. Umso mehr sollten sich Mütter und Väter die Elternzeit teilen, um negative Auswirkungen auf das berufliche Fortkommen beider zu minimieren. Für die älteren Väter ergibt sich aus dieser Situation ja vielleicht die Gelegenheit, sich seitwärts zu bewegen, etwas Neues anzufangen – die negative Energie der Midlife-Krise in eine positive Richtung zu lenken und ausgetretene Pfade zu verlassen.

Umso mehr sollten sich Mütter und Väter die Elternzeit teilen, um negative Auswirkungen auf das berufliche Fortkommen beider zu minimieren…

Entscheidend dabei ist, wie sich die Gesamtsituation der Familie darstellt. Es sollte klar sein, dass beide Elternteile Elternzeiten nutzen können, dass aber beide den Anschluss an den Beruf nicht gänzlich verlieren. Wenn beide ihren Anteil bekommen, spielt es letztlich auch keine Rolle mehr, wer sich wie lange ganz der Erziehung verschreibt. Diese Frage entscheidet sich dann meist am finanziellen Rahmen. Manche können sich Elternzeit schlicht und einfach nicht leisten, vor allem keine Elternzeit für Väter, die – ungerechterweise – im statistischen Mittel mehr verdienen als die Mütter.

Die praktische Ebene: allein unter Müttern

Stellt euch lieber drauf ein: Elternzeit für Väter bedeutet, dass ihr oft der einzige Mann in der Krabbelgruppe seid. Auf dem Spielplatz trefft ihr in Großstädten tagsüber nicht einmal auf Mütter, sondern auf blutjunge Babysitter und Au Pairs. Zur Erinnerung: Der Altersdurchschnitt beim ersten Kind liegt bei Männern bei 35 Jahren. Wenn ihr viel Pech habt, werdet ihr als Opa tituliert. Hier neue soziale Kontakte zu knüpfen, ist nicht ganz einfach.

Manche Väter in Elternzeit haben Probleme damit, auf gewohnte Spontanität zu verzichten. Vor allem die Mahlzeiten und der generelle Tagesablauf wollen vernünftig geplant werden. Das Kind braucht seine Schlafphasen, meistens sind es am Anfang drei, dann zwei, schließlich eine. Der Ort ist dabei nicht zentral, man kann gerne Freunde besuchen, sofern man ein Plätzchen findet, das sich als Rückzugsinsel anbietet. Das kann im Sommer auch der Park sein. Elternzeit für Väter bedeutet fast automatisch, dass sich der Freundeskreis stark ändert. Das ist nicht schlimm, weil sich die Gespräche dann viel um Kinderthemen drehen. Das muss auch so sein, weil sich durch diese Gespräche das eigene Erziehungsbild an anderen Modellen überprüfen lässt. Man merkt dann schnell, dass andere Mütter oder Väter in Elternzeit ähnliche Probleme haben.

Wichtig ist auch, Zeit für sich selbst einzuplanen. Auf das Fußballspiel, die Skatrunde, auf das gelegentliche Konzert sollte man auf keinen Fall verzichten, um sich nicht auf einer einsamen Insel einzuigeln. Aber an dieser Stelle lauert eine Falle: Die Rechnung, dass man am Abend, wenn die Frau nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommt, derselben das Kind in die Hand drückt und die verschmutzte Küche überlässt, ist vom Milchmädchen ausgestellt. Die Formel lautet stattdessen: Frau tagsüber Arbeit, Mann Kind und etwas Haushalt, am Abend und am Wochenende beide alles. Sorry, anders geht es nicht. Vor allem am Anfang braucht die Mutter Zeit, um sich wieder ins Berufsleben hineinzufinden – und dazu gehört oft auch das Networking, der Kneipenabend mit Kollegen und Kolleginnen, die Dienstreise und die entsetzliche Müdigkeit am Abend. Zeit für sich selbst zu haben, bedeutet für Väter in Elternzeit deshalb oft, sich Zeit freischaufeln zu müssen. Das wiederum geht auf Kosten der Quality Time mit dem Partner. Hier ein Equilibrium zu finden, ist eine der größten Herausforderungen überhaupt.

Zur professionellen Hilfe zählen Babysitter und die Putzhilfe. Natürlich ist das eine Geldfrage, vor allem, wenn während der Elternzeit für Väter ein Verdienst wegfällt. Aber es ist eine gute Investition, Scheidungsanwälte sind teurer…

Ein Lösungsansatz besteht darin, sich Hilfe zu holen. Das Verhältnis zu Eltern und Schwiegereltern mag für junge Eltern bisweilen nicht einfach sein, aber sie sind oft die idealen Babysitter und finden über diese Aufgabe einen ganz neuen Zugang zur Familie. Ist die Verwandtschaft nicht vor Ort – und das ist immer öfters so – sind Freunde und professionelle Hilfe angezeigte Alternativen. Zur professionellen Hilfe zählen Babysitter und die Putzhilfe. Natürlich ist das eine Geldfrage, vor allem, wenn während der Elternzeit für Väter ein Verdienst wegfällt. Aber es ist eine gute Investition, Scheidungsanwälte sind teurer.

Elternzeit für Väter: so geht’s gut

Zusammenfassend können drei Handlungsmaximen identifiziert werden, die das Leben der Väter in Elternzeit erleichtern: Verleugne dich und deine Geschlechterrolle nicht; versuche nicht, das Leben weiterzuleben, das du gerade aufgegeben hast; mache dir klar, dass es allen anderen genauso geht wie dir – lese also fleißig dieses Blog.

Epilog

Zurück zu meinem ersten Tag. In der Margelle brauchte ich – und die Frauen – ein paar Minuten, um angesichts des stetigen Stillens einen Modus Vivendi bezüglich der Geschlechterrollen zu entwickeln. Die Anerkennung meiner Kompetenz als Erziehungsberechtigter stieg, als ich zeigte, wie man Windeln wechselt, ohne dabei das Kind auf einer Ablage ablegen zu müssen. Mein größter Erfolg, seit ich einst in der Schule demonstrierte, wie man mit einer Hand in der Manteltasche eine Zigarette dreht.