Kneten, knutschen, knuddeln: Spiele mit Kindern.

Wer kennt es nicht? Spiele mit Kindern werden schnell zum Geduldsspiel. Seit fünfzig Minuten mit dem Matchboxauto auf dem Spielteppich im Kreis gefahren, die Lieblingspuppe gefühlt hundert Mal umgezogen – und am Nachmittag die zwanzigste Portion Sandkuchen gebacken. Das kann gehörig an die Nieren und auf die Nerven gehen. Dabei gilt generell: Je entspannter die Eltern, desto besser fühlt sich das Kind. Müssen wir also die Gabel immer aufheben, nur weil es dem Kleinkind auf seinem Hochsitz-Thron so gefällt?

Ja, das müssen wir. Aber wenn wir uns veranschaulichen, weshalb das Kind sich so verhält und zu welchen kognitiven Entwicklungen das scheinbar sinnlose „Spiel“ führt, wird aus dem Geduldsspiel schnell ein elterliches Forschungsthema. Lassen wir uns also darauf ein und versuchen zu verstehen, was es mit dem Spiel aus evolutionsbiologischer und entwicklungspsychologischer Sicht eigentlich auf sich hat, dann können Spiele mit Kindern auch den Eltern Spaß machen.

Spielen mit Kindern als Kulturgut

Die menschliche Kultur entfaltet sich im Spiel. Deshalb ist dem verstehenden Menschen (Homo Sapiens) und dem schaffenden Menschen (Homo Faber) etymologisch der Homo Ludens beigeordnet, der spielende Mensch. Spielen ist die zentrale Kategorie der Entwicklungsdynamik kindlicher Persönlichkeit. Das Spiel mit Kindern als Kulturgut begleitet uns zeitlebens, wie sonst wäre es zu erklären, dass ältere Herren stundenlang fasziniert auf einen Bildschirm schauen, wenn 22 Spieler versuchen, einen Lederball in ein rechteckiges Gehäuse zu befördern. Damit Spiele mit Kindern zum generationsübergreifenden Genusserlebnis werden, müssen ein paar grundsätzliche Dinge berücksichtigt werden.

Zunächst gilt es zu fragen: Wie kommt es, dass der Nutzen des Spiels die Kosten (Beinbrüche, extrem hoher Energieverbrauch) bei Weitem übersteigt? Die Evolutionsbiologie gibt uns hierzu einige wichtige Antworten. Spielen bedeutet Nachahmung. Nachahmung ist die zentrale Methode des Erwerbs von Fähigkeiten. Es ist die Einübung ins Erwachsenensein und damit – evolutionsbiologisch – des Überlebens. Kinder, die nicht spielen, sind heute zwar nicht in körperlicher Gefahr, aber sie wären inkompatibel mit der Gesellschaft, mit den ungeschriebenen Regeln des Zusammenseins. Eltern wissen das instinktiv. Notfalls erzwingen sie kindliches Spiel – etwa indem sie kitzeln, was das Baby oft vom Zustand der Frustration (Schreien) in den Zustand des Spiels und der Interaktion versetzt.

Später, wenn die Kinder der direkten elterlichen Obhut entwachsen sind, wenn sie miteinander spielen, nehmen sie Rollen ein, die sie auf das Erwachsenenleben vorbereiten. Dass dabei Monster, Ungeheuer und schießwütige Gangster im Spiel sind, hilft nicht nur, die Rolle „gut“ und die Rolle „böse“ zu unterscheiden, sondern damit werde auch Verhaltensweisen in Gefahrensituationen simuliert. Kinder gehen dabei immer einen Schritt weiter, als von den Erwachsenen vorgelebt, weil sie eben nicht nur nachahmen, sondern auch eigene Strategien entwickeln. Das ist eine Grundvoraussetzung für evolutorischen Fortschritt.

Spiele mit Kindern am besten nicht unterbrechen

Wenn Kinder spielen, geht es oft laut zu. Auch sind oder scheinen die Spiele aus Erwachsenensicht oft nicht logisch, nicht zielführend, nicht auszuhalten. Trotzdem sollte man das Spiel nur in den seltensten Fällen unterbrechen. Gerade das, was unlogisch und ineffizient erscheint, stattet die Kinder mit einem Set an späteren Verhaltensalternativen aus. Was bringt es schon, wenn Kinder immer nur das wiederholen, was sie ohnehin schon können. Und wie können wir uns anmaßen, wissen zu wollen, was sie in der Zukunft irgendwann einmal brauchen werden? Lassen wir sie also spielen, solange sie sich körperlich nicht in Gefahr bringen.

Sollen oder müssen Kinder alleine spielen?

Aristoteles hat den Menschen als Zoon Politikon, als gemeinschaftsbildendes Wesen bezeichnet. Wenn das Kind alleine in seinem Zimmer spielt: schön für die Eltern, das stärkt die Effizienz des elterlichen Haushalts enorm. Erzwingen kann man es aber nicht. Kinder suchen im Spiel oft nach Interaktion. Ist ein Kind nicht an Interaktion interessiert, kann das der Persönlichkeit des Kindes geschuldet sein, sollte uns aber zumindest nachdenklich machen. Auch hilft es nicht, dem Kind eine Unmenge an Spielsachen anzubieten, damit es alleine damit spiele. Hier ist Überforderung und Frust vorprogrammiert. Bei älteren Kindern kann man manchmal etwas nachhelfen. Spiele mit Kindern gibt es wie Sand am Meer. Der Klassiker ist natürlich Malen. Will das Kind nicht frei aus der Phantasie heraus etwas zu Papier bringen, findet man im Internet genügend Malvorlagen. Damit gibt man dem Kind schon fast sprichwörtlich einen Rahmen, den es dann phantasievoll ausmalen kann. Haben die Eltern eine künstlerische Ader, ist Gesichtsbemalung ideal. Davon profitieren kreative Eltern und rollenspielende Kinder gleichermaßen.

„Lieber eine kürzere Spielzeit mit Fokussierung auf das Kind und anschließend einen qualifizierten Babysitter, als halbherzige Zuwendung mit unterschwellig schlechtem Gewissen…“

Da die Eltern und die Geschwister die wichtigsten Bezugspersonen sind, sind sie auch die ersten Ansprechpartner in Sachen Spiel. Wer gerade einen wissenschaftlichen Artikel verfassen will, sollte nicht damit anfangen, wenn das Kind in der Nähe ist. Stattdessen sollte man Spiele mit Kindern als Quality-Time verstehen und sich auf die kindlichen Bedürfnisse einlassen. Lieber eine kürzere Spielzeit mit Fokussierung auf das Kind und anschließend einen qualifizierten Babysitter, als halbherzige Zuwendung mit unterschwellig schlechtem Gewissen.

Spiele mit Kindern an das Alter anpassen

Kommt der neue Erdenbürger zur Welt, wartet meist ein gut ausstaffiertes Kinderzimmer mit entsprechenden Morgengaben der Verwandtschaft und der Freundesschar. Der eine oder andere Lustkauf aus der Schwangerschaft ist manchmal auch dabei. Vergessen wir dieses Zimmer zunächst. Spiele mit Kindern sind nicht von speziellen Räumen abhängig.

Wann fängt also das Spielen mit Kindern an? Sofort nach Geburt. Da Neugeborene ihre Bewegungen noch nicht richtig kontrollieren können, ist die erste spielerische Handlung die Interaktion mit den Eltern und den Geschwisterchen, vor allem über den Gesichtsausdruck. Es entsteht ein Aktion-Reaktion-Kreislauf, dessen Instrumente auf Kindesseite Lächeln, Weinen, Schreien, Zappeln sind. Auf Elternseite wird darauf mit Streicheln, Wiegen, Zureden und Singen reagiert. Schon hier lernt das Neugeborene, dass auf eine spezifische Aktion seinerseits eine bestimmte Reaktion der Umwelt erfolgt.

In der nächsten Phase lernt das Kind vorwiegend mit den Händen und dem Mund. Mit dem „Pinzettengriff“ hebt es selbst die kleinsten Brotkrümel auf und steckt sie in den Mund. Es folgt alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Das beste Spielzeug in diesem Alter ist, was das Kind ohne Gefahr in den Mund stecken kann: Rasseln, große Klötze, Babygeschirr. Dass dabei vom größten Dreck bis zur fiesesten Bazille alles in den Organismus des Babys gelangt, muss nicht weiter stören, das Immunsystem verkraftet das und wächst daran.

Ein beliebtes Spiel des Kleinkindes ist es, Gegenstände vom Tisch oder dem Hochstuhl auf den Boden zu befördern. Der Erziehungsberechtigte wird dann angehalten, den Gegenstand wieder zurückzubringen. Und genau das ist „Spiel“. So lernt das Kind, dass etwas nicht verschwunden ist, nur weil es nicht sichtbar ist. Gleichzeitig lernt es viel über die physikalischen Eigenschaften des Gegenstandes. Hier ist eindeutig Geduld gefragt, selbst wenn die Spüle überquillt, die Wäsche dreckig ist und einem überhaupt alles über den Kopf wächst. Auch dieses kindliche Verhalten macht uns wieder klar, dass Spielzeug alles sein kann, nicht nur das, was vom Hersteller als Spielzeug klassifiziert wird und dass Spiele mit Kindern nicht auf Konsum basieren müssen.

Erst im Alter von etwa einem Jahr wird die orale Phase vom Sehen als wichtigster Sinneswahrnehmung abgelöst. Jetzt werden auch die Kuscheltiere interessant, die seit über einem Jahr im Kinderzimmer ein eher vernachlässigtes Dasein fristen. Die Kuscheltiere und Puppen erfahren eine ausgiebige Körperpflege mit Bürsten aller Art, werden geschniegelt und gestriegelt, an- und wieder ausgezogen, gehen später einkaufen, machen einen Arztbesuch und kochen. Gleichzeitig nimmt das räumliche Erfahren einen größeren Stellenwert ein. Behältnisse werden ein- und ausgeräumt (etwa 12 Monate), später Türme aufgebaut (etwa 18 Monate). Schließlich werden die Behältnisse gestapelt und umgeworfen. Ach ja: Die Kochtöpfe aus der Köche sind eine logische Erweiterung des Turmbauprogramms.

Mittlerweile sind wir an einer Stelle der kognitiven Entwicklung angekommen, in der Kinder beginnen, Dinge in logische Reihenfolgen zu bringen, sie nach Farben, Formen, nach Größe oder Funktion zu ordnen. Jetzt können wir das Spiel in die Horizontale verlagern. Statt Türme zu bauen, ordnen Kinder ihr Spielzeug hintereinander an. Hier kommt zum ersten Mal die Eisenbahn ins Spiel. Aber Achtung: der Weg ist das Ziel, es geht um das Anordnen. Die komplexe Märklin-Eisenbahn befriedigt nur den Spieltrieb des Vaters, nicht den des Kindes. Stattdessen sind beim Spiel mit Kindern in dieser Phase einfache Züge und DUPLO-Steine angesagt.

Gibt es geschlechterspezifisches Spielen mit Kindern?

Und wir kommen noch an einen anderen Scheideweg. Alle Kleinkinder spielen gleich. Es gibt bis dahin keine Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Im dritten Lebensjahr entwickeln sich dann einige Unterschiede. Elterliche Spiele mit Kindern sollten dies berücksichtigen. Die Jungen sind eher darauf aus, die Umgebung zu erkunden und die Funktionslogik von Gegenständen zu entschlüsseln. Das Spiel der Mädchen nimmt stärker einen sozialen und symbolischen Charakter an. Es stellt Interaktionen zwischen Personen nach. Dieser Prozess verstärkt sich in den folgenden Jahren stetig, bis hin zum klassischen „Jungs sind doof/Mädchen sind doof“ in der Schulzeit. Inwieweit diese Differenzierung evolutionsbiologisch determiniert und gesellschaftlich konditioniert, also von uns bewusst oder unbewusst gefördert wird, ist in der Wissenschaft sehr umstritten. Fakt ist aber, dass dieser Prozess zu beobachten ist.

Es ist eine grundsätzliche Entscheidung der Eltern, wie sie damit umgehen. Proaktive Eltern versuchen eventuell gegenzusteuern. Doch auch dieser Aspekt sollte im Zusammenhang mit der Generalmaxime gesehen werden: Das Kind soll selber entscheiden, was, wie und mit wem es spielen will. Der Verdacht drängt sich auf, dass jeder Versuch, das Kind in ein geschlechterspezifisches Spielverhalten zu drängen oder dieses zu verhindern, beim Kind Schaden anrichten wird.

Spiele mit Kindern: Lieber draußen oder drinnen?

Hier gelten zwei Maximen. Leitsatz 1: So viel drinnen wie nötig, soviel draußen wie möglich. Spielen im Freien ist für die Entwicklung des kindlichen Gehirns in der Bedeutung kaum zu unterschätzen. Aber auch hier droht die Falle, dass Eltern alle möglichen Fahrgeschäfte, Bagger, Eimer und Schaufeln transportieren. Das ist unnötig und kontraproduktiv. Gibt es wenig Spielzeug, lernen die Kinder das Teilen und Tauschen. Die Kleinen werden in einem Sekundenbruchteil aus dem Nichts ein Spielzeug zaubern. Kinder können stundenlang mit einem Stein spielen, oder einem Ast, mit einem Haufen Blätter im Herbst und einem Käfer, der den Weg kreuzt. Das wichtigste Spielzeug für den Außendienst ist deshalb das Buch für die Mama oder den Papa – und natürlich die Gummistiefel, um in die Pfützen springen zu können. Leitsatz 2 lautet deshalb: Spiele mit Kindern kennen kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

„So viel drinnen wie nötig, soviel draußen wie möglich. Spielen im Freien ist für die Entwicklung des kindlichen Gehirns in der Bedeutung kaum zu unterschätzen…“

Spiele mit Kindern: Wie wähle ich aus?

Es scheint selbstverständlich, dass Eltern altersadäquate Spiele auszuwählen haben. Das ist allerdings nicht ganz einfach. Der erste Reflex beim Spielen mit Kindern ist es, anzubieten, was man selbst als Kind gemocht hat. Manches scheint aber etwas aus der Zeit gefallen bzw. sogar inakzeptabel zu sein. So wundert man sich immer wieder, was daran so witzig war, dass das Kasperle seine Zeitgenossen andauernd mit einem Knüppel traktierte. Bei rollenbasierten Spielen muss deshalb darauf geachtet werden, dass diese richtig in unsere Zeit übersetzt werden.

Auch bei mechanischem Spielzeug ist die Auswahl anzupassen. Ein Klassiker ist LEGO. Ein geniales Spielzeug. Es fördert die Kreativität, das räumliche Sehen, die Konzentration. Fängt man allerdings zu früh an, ist die Frustration vorprogrammiert. Kleinere Kinder haben Schwierigkeiten, die Miniaturteile richtig zu greifen, sie zusammenzusetzen und auseinanderzunehmen. Deshalb ist es bei LEGO am besten, mit ganz großen Klötzen anzufangen, über DUPLO dann zu LEGO zu kommen. Das ist besonders bei Geschwisterkindern wichtig, weil es sonst garantiert zu folgender Situation kommt: Papa und der Große bauen das beste Raumschiff aller Zeiten. Der Kleine nutzt einen unbeobachteten Moment, um das beste Raumschiff aller Zeiten zu Weltraumschrott zu verarbeiten. Hierauf wiederum reagiert der Größere mit klingonischem Furor. Wenn der Erziehungsberechtigte sich zu der bequemen Strategie hinreißen lässt, den Kleinen zu Mama abzuschieben, hat er eine suboptimale Strategie entwickelt. Stattdessen hätte er parallel mit dem Großen am LEGO-Raumschiff, mit dem Kleinen am DUPLO-Zoo für die Spieltiere arbeiten sollen. Er darf sich erst dann ausklinken, wenn die beiden miteinander „Angriff der Klingonen auf den Monsterzoo“ spielen!

Die Grundgesetze des Spielens mit Kindern

Fassen wir noch einmal zusammen: Spielen ist Teil des Menschseins an sich. Spielen ist die zentrale Methode der kognitiven und körperlichen Entwicklung des Kindes. Spiele mit Kindern sollten deshalb einige Grundregeln berücksichtigen. Die wichtigste davon: Das Kind sollte selbstbestimmt spielen. Wir greifen nicht steuernd ein, sondern allenfalls korrigierend. Dabei ist der Weg das Ziel, nicht das Endprodukt. Die Rolle der Eltern ist es vor allem, ein nachahmenswertes Vorbild zu ein. Jedes Alter hat seine eigenen Spiele. Nötigt man Kindern etwas auf, was sie aufgrund ihrer körperlichen und kognitiven Entwicklung noch nicht können, entstehen kontraproduktive Effekte. Wichtig ist, dass das Spielzeug nicht nur passiv erfahren, sondern aktiv genutzt werden kann. Aktionen des Kindes sollen einen Effekt auslösen. Weiterhin gilt: Alles ist Spielzeug und draußen geht vor drinnen.