Väter bei der Geburt: Tipps für eine filmreife Entbindung

Als ich begann, mir über das Thema „Väter und Geburt“ Gedanken zu machen, ergab sich eine erfreuliche Koinzidenz: Ein Freund wurde gerade zum dritten Mal Papa und lud befreundete Väter zu einem Umtrunk ein. Ich beschloss, die Gelegenheit am Schopfe zu packen und eine kleine informelle Umfrage zum Thema Geburt zu machen. Spannend, was dabei an Erfahrungen und Tipps herauskam.

Was ist meine Rolle?

Aus Filmen kennen Männer meines Jahrgangs vor allem die eine Szene, in der der werdende Vater während der Geburt vor dem isolierten Zimmer nervös auf- und abgeht. Schließlich übermittelt eine Hebamme die erlösende Nachricht: Die Geburt ist gut verlaufen, es ist ein Junge, oder ein Mädchen, auf jeden Fall gesund! Dieses Warten im Vorzimmer verlängert die Rolle des Vaters während der Schwangerschaft in den Vorgang der Geburt hinein. Man ist dazu verurteilt, eine relativ passive Rolle einzunehmen. Die Geburt ist dann plötzlich vorbei, alles löst sich in einem weiteren filmreifen Moment auf, in dem der Vater die lächelnde Mutter mit dem sauberen Kind im Arme erblickt. Freudestrahlen allenthalben, pures Glück!

„Die Realität sieht aber anders aus, heute wollen fast alle Väter der Geburt beiwohnen…

Tatsächlich soll es noch Väter geben, die sich für diese Rolle während der Geburt entscheiden. Auch ein Vater aus der abendlichen Runde liebäugelte zumindest damit. Zu verurteilen ist das nicht, die werdenden Väter werden ihre Gründe haben. Die Realität sieht aber anders aus, heute wollen fast alle Väter der Geburt beiwohnen. Die 90 Prozent, die immer wieder genannt werden, sind kaum verifizierbar. Aber wenn man sich im Bekanntenkreis so umhört, kommen sie der Wirklichkeit wohl ziemlich nahe. Wie hoch die Dunkelziffer derer ist, die sich nur wegen des äußeren Drucks – heutzutage sind Väter dabei! Punktum! – dafür entscheiden, der Geburt ihres Kindes beizuwohnen, kann man nur ahnen.

Vorbereitung: Wissen, was auf einen zukommt

Man erhält als werdender Vater natürlich viele Tipps zur Geburt, auch ungewollte. Wenn ich nur einen weiteren loswerden darf, so ist es der, sich in das Thema Geburt etwas einzulesen. Einfach, damit man auf die Ängste und Befürchtungen der Schwangeren eingehen kann. Ich habe „Schwangerschaft und Geburt“ von Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi gelesen, das „Buch zu Bauch und Baby“. Schon die Farbe suggeriert, dass das nicht für Väter geschrieben ist. Gut so! Ich will ja schließlich meine Frau und mein Kind verstehen, mit meiner eigenen Rolle komme ich schon klar. Daran anschließend las ich Babyjahre von Remo H. Largo, das perfekte Buch für die ersten drei Lebensjahre des Babys, wie ich finde.

Zur Lektüre kommt der Geburtsvorbereitungskurs, an dem ich partiell teilnahm. Der Klassiker sind Atemübungen. Bei einigen Auflistungen von Tipps für Väter bei der Geburt bekommt man beschrieben, wie der Vater die Mutter beim Atmen unterstützt. Ich finde, Jungs, das könnt ihr ruhig überspringen. Der Frau beruhigend zusprechen, den Kopf streicheln: wenn ihr das noch nicht könnt, ist eh Hopfen und Malz verloren.

Wichtiger für Väter ist bei den Kursen die Diskussion um die Rahmenbedingungen der Geburt. Die zu besprechenden Themen sind Geburt zu Hause oder in der Klinik, außerdem die Frage Periduralanästhesie oder eine klassische Geburt mit Schreien. Das können Väter natürlich nicht entscheiden, aber der werdende Vater sollte zumindest profund und faktenbasiert seine Meinung kundtun können. Es ist schon beruhigend, wenn die Mama sich dann für die Variante Klinik/Peridural entscheidet.

Ansonsten lernt man bei diesen Kursen nicht nur das Verhalten während der Geburt, sondern auch das Wickeln, das Halten des Babys, das Saubermachen, und wie man mit Krankheiten umgeht. Das ist alles nicht selbstverständlich, also bitte aufpassen. Damit können Väter der Mama nach der Geburt viel Arbeit und Belastung abnehmen.

Im Kreißsaal

Wenn es dann fast so weit ist, gilt es, Geschlechterrollenadäquat zu handeln. Mutter in spe macht ihre Atemübungen, der Vater tankt rechtzeitig das Auto. Mein größter Alptraum: Das Auto bleibt mit der Gebärenden auf dem Weg in die Klinik liegen. Das ist ebenso filmreifer Stoff wie der wartende Vater vor dem Kreißsaal. Zu meiner Überraschung berichteten dann zwei Väter aus meiner Befragungsrunde, dass es diesbezüglich tatsächlich Probleme gab. In beiden Fällen meinte der Arzt bei vorzeitig einsetzenden Wehen, die Geburt stehe nicht vor x Tagen an, die Eltern könnten ruhig noch in ihre Heimatgemeinde fahren. Ein Kind wäre dann beinahe auf der Autobahn zwischen London und Birmingham geboren worden, das andere zwischen Brüssel und Antwerpen. Da ist es dann zu spät für eine Periduralanästhesie, man bekommt höchstens Lachgas.

Die zehn Schritte zur Klinik sind wir dann zu Fuß gegangen, ganz entspannt. Die Entspannung war aber schnell Geschichte, als wir die Zimmer passierten, in denen Frauen schrien, schrecklich schrien! Über dem Pult der Anmeldung hingen Monitore, die offenbar die Intensität der Geburtswehen nachzeichneten. Ich versuchte beim Warten, einen Zusammenhang zwischen Kurven und Schreien herzustellen, scheiterte aber. Warum schreien die nicht im richtigen Takt, schoss es mir durch den Kopf. Ein psychologisches Ablenkungsmanöver, um mit meiner eigenen Nervosität klarzukommen.

„Es würde nur zehn Minuten dauern, wurde ich beruhigt. Zehn Minuten? In zehn Minuten stieg Edmund Stoiber in den Münchener Hauptbahnhof ein…

Die Krankenschwester am Check-In schickte mich dann erst einmal weg, um in der Verwaltung die Formalitäten zu erledigen. Ich war nicht amüsiert, schließlich war das Fruchtwasser abgegangen, die Geburt stand direkt und unmittelbar bevor. Es würde nur zehn Minuten dauern, wurde ich beruhigt. Zehn Minuten? In zehn Minuten stieg Edmund Stoiber in den Münchener Hauptbahnhof ein. Ruhe sieht anders aus, doch ich musste mich fügen.

Zehn Stunden und zwei vom nächtlichen Warten zermürbte Eltern später wurde die chemische Keule angesetzt. Der muss jetzt da raus, hieß es, auch wenn er nicht will. Damit war die Müdigkeit schlagartig vorbei. Endlich ist es soweit, nach geschlagenen neun Monaten plus zehn Stunden in der Warteschleife. Endlich zeigte die Maschine Ausschläge, die Wehen waren da! Mit der Periduralanästhesie fehlt natürlich die Dramatik der schreienden Mutter. Aber trotzdem merkt man, dass das Finale eingesetzt hat. Der Schweiß, die Geschäftigkeit des Klinikpersonals, die Ärztin, die sagt, sie bleibe jetzt da.

Wo soll ich stehen?

Für den Vater gilt es spätestens in diesem Moment zu entscheiden, welche Rolle und welche Position er bei dem Drama einzunehmen gedenkt. Von hinten, als Beobachter, im direkten Kontakt zur Mutter, händchenhaltend und kopfstreichelnd, aber weit genug entfernt von Blut und Schleim. Oder aber direkt am Tatort, mit den besten Aussichten, dem Kinde zugewandt und bereit, selbst Hand anzulegen. Wer sich für die vordere Position entscheidet, sollte zwar nicht allzu dünnbesaitet sein, aber auch nicht irgendwelchen Horrorgeschichten glauben. Es geht hier nicht um einen hellen Blutfluss wie beim klassischen Schnitt in den Finger, sondern um halb verkrustetes, dunkles Blut. Das In-Ohnmacht-Fallen überlassen wir den Diven in alten Schinken aus Hollywood. In meiner abendlichen Runde waren alle Positionen vertreten, sogar seitliche. Die Helden waren aber klar diejenigen, die dem Sturm ins Auge geschaut haben.

Dann ist es soweit. Wenn wir es mit einer klassischen Kopfgeburt zu tun haben, entdecken wir bald erste Anzeichen unseres Stammhalters oder unserer Stammhalterin. Das ist natürlich am Anfang nur ein dunkles Etwas, die Haare des Babys sind verklebt und verschmiert. Von Wehe zu Wehe wird immer mehr vom Kopf des Kindes sichtbar. Allerdings wirkt dieser oft etwas deformiert und langgezogen, er muss schließlich durch den Geburtskanal passen. Und dann geht auf einmal alles sehr schnell. Man hat den erwachsenen menschlichen Körper vor Augen und denkt, das Schwierigste wären die Schultern. Aber ein Baby hat natürlich andere Proportionen, ist der Kopf durch, ist die Geburt geschafft. Manche Ärzte überlassen dem Vater den letzten Dreh.

Die ersten Momente zu Dritt

Wow, grandios. Jetzt hat man das kleine Lebewesen endlich in der Hand. Und sofort denkt man, dass man den kleinen Wurm weitergeben muss, die Mutter hat das Vorrecht. Vielleicht wirken einfach die alten Filme nach, in denen die Mama das Ein-und Alles ist. Mich jedenfalls überkam das Gefühl, ich hätte kein Recht, die Situation zu genießen, bevor die Mutter auf ihre Kosten gekommen sei. Und den meisten anderen in der abendlichen Runde ging es ebenso, alle räumten der Mutter Priorität ein. Einer aus der Gruppe, in einer Klinik beschäftigt, erzählte dann von einer Geburt, bei der ein aus der Ukraine stammende Vater das Kind einfach nicht mehr hergeben wollte. Alle Knochen dran, alle Knochen dran, habe er immer wieder gesagt. Er stammte aus der Gegend um Tschernobyl.

„Wow, grandios. Jetzt hat man das kleine Lebewesen endlich in der Hand…

Bei der Durchtrennung der Nabelschnur ist endlich einmal der Vater in der Vorhand. Er macht einen entscheidenden Schnitt. Das Kind wird vom Metabolismus der Mutter abgenabelt und ist fortan auf die Gesellschaft angewiesen. Was mich wirklich überrascht hat, ist die Dicke und die Festigkeit der Nabelschnur. Man muss richtig Kraft ausüben, um das Kind endgültig ins Leben zu befördern. Es ist fast so, als schnitte man eine Hecke mit einer Heckenschere, oder durchtrennte einen Gartenschlauch. Mein Tipp an die Väter: nicht zimperlich sein. Und keine Angst, euer Schnitt ist symbolisch, relativ mittig angesetzt. Die Feinarbeit am Bauchnabel des Kindes übernimmt dann das Fachpersonal.

Die Gefühle kommen in Zeitlupe

Ich habe bisher noch wenig über Gefühle berichtet, vielleicht weil die beherrschenden Gefühle bis hierher eine Melange aus Ängsten und Hilfslosigkeit, aus Ausgeliefertsein und mentalem Stress war. Und das ging nicht nur mir so, keiner aus der Runde berichtete über sagenhafte Vorfreude und hoffnungsvolle Erwartung.

Als die Mutter das Baby endlich in den Armen hielt und die neue Mama Freuden- und Erschöpfungstränen verdrückte, wartete ich auf meine eigenen Tränen. Es waren keine da. Auch nicht dieses unbeschreibliche, urknallartige Gefühl, von dem viele berichten. Im Rückblick sehe ich mich wie auf einer Fähre, das alte Ufer wird immer kleiner, das neue kommt auf einen zu. Man erkennt grobe Strukturen, dann die Einzelheiten. Man überlegt sich, ob das, was man da sieht, schön ist. Die wenigsten Neugeborenen sind schön.

Und dann kommen die Gefühle doch noch, langsam, wie im Sinkflug. Es beginnt mit Erleichterung, dann kommt die Entspannung, ein leichter Schauer, der die Haare sacht zu Berge treibt, ein Kribbeln im Nacken. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, dass die Hebamme dem Vater das Kind in die Hände drückt mit der Aufforderung, es zu baden. Natürlich hat man das im Geburtsvorbereitungskurs gelernt, aber so ein Baby ist ein Baby, Kurs ist Kurs und echt ist echt. Im Gegensatz zur Puppe zappelt das Kind, es kommt einem etwas glitschig vor, so zerbrechlich. Und dann waren sie da, die Emotionen, die Tränen, die Gänsehaut, die Initialzündung für das, was sich im Laufe der anstehenden Tage und Monate in tiefe und echte Liebe verwandelt.

Nachwehen

„Liebe Väter, seid bei der kleinen Familie und schmeißt euch nicht gleich wieder dem Job an den Hals…

Eine weitere Schwelle übertritt die größer gewordene Familie beim Verlassen des Krankenhauses. Zuhause angekommen, legt man das Baby in seine Krippe oder auf das Sofa, schaut der Mutter tief in die Augen und wird sich in diesem Moment endgültig der Verantwortung klar, die man übernommen hat, so ganz alleine, ohne die helfenden Hände des Krankenhauspersonals. Hoffentlich habt ihr für die ersten Wochen nicht eine der Omas eingeladen. Ich halte es für überaus wichtig, diese erste Phase zu Dritt zu durchlaufen, die eigene Routine zu entwickeln. Liebe Väter, seid bei der kleinen Familie und schmeißt euch nicht gleich wieder dem Job an den Hals. Wenn sich dann eine gewisse Routine entwickelt hat und ihr einfach euer Ding durchzieht, sind Tipps und die Zuneigung der Großeltern natürlich auch den Vätern sehr willkommen.

Jede Geburt ist anders

So, noch einmal zurück zur Geburt. Wenn sich Väter nach der Nabelschnurdurchtrennung von der Ärztin noch die Dehnbarkeit der Plazentahaut vorführen lassen und mit ihr über die Ähnlichkeit des Mutterkuchens mit einer Leber diskutieren, ist es garantiert nicht die erste Geburt, der sie beiwohnen.

Natürlich ist die zweite Geburt anders als die erste. Man fühlt sich gut vorbereitet und braucht keinen Geburtsvorbereitungskurs mehr zu absolvieren. Auch das Klinikpersonal behandelt einen ganz anders, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Das Wohlwollende, das Unterstützende, das ungefragt Erklärende, das fällt weg. Meistens geht die Geburt dann auch schneller als beim ersten Mal. Ansonsten wiederholen sich die Abläufe, aber die Väter und die Mütter sind entspannter.

Dachte ich zumindest; aber Pustekuchen. Als mir die Krankenschwester meinen Zweitgeborenen in die Hand gab, waren Geburtsvorbereitungskurs und die erste Babyphase schon fast zwei Jahre vorbei, das Wissen wie weggeblasen. Gott, wie war das nochmals mit dem Baden und Anziehen? Wie peinlich, wie der Ochs vor dem Berg. Einfach einen Moment reflektieren, dann klappt es und die Routine kommt zurück.

Väter und Geburt: Männer genießen mit Verzögerung

„Aber kleinreden sollte man die Rolle der Väter bei der Geburt auch nicht…

Insgesamt halte ich nichts von der Aussage, die Rolle der Väter bei der Geburt sei nur eine Begleitende. Das stimmt nur, wenn man das ganz eng auf den Geburtsvorgang an sich bezieht. Mutter unterstützen, Nabelschnur durchtrennen, erstes Baden und Anziehen, das gehört doch auch dazu. Natürlich ist das wenig im Vergleich zum Austragen, zum Pressen und zum Stillen. Aber kleinreden sollte man die Rolle der Väter bei der Geburt auch nicht. Wie würde es sich sonst erklären, dass die meisten werdenden Mütter die Väter bei der Geburt dabeihaben wollen? Nur Konvention? Eher nicht. Zeit, sich neuere Filme anzuschauen.