In vitro veritas: Ein Psychogramm der Gattung Mann.

Kinderwunschkliniken haben Konjunktur. Wenn bei andauerndem Kinderwunsch die klassische Methode des intimen Austausches zwischen Mann und Frau partout nicht funktioniert, hilft – neben dem schlecht verifizierbaren Beten – nur der Gang in die Schluchten der Kinderwunschpraxis und eine Insemination oder eine In-vitro-Befruchtung. Für manchen Mann ist das ein psychologischer Ritt auf dem Styx.

Eine nobelpreiswürdige Leistung

In-vitro-Befruchtung (auch In-vitro-Fertilisation, IVF) bedeutet das Zeugen von Leben außerhalb eines lebenden Organismus, hier „im Glas“. Die natürliche Methode ist „in vivo“, also innerhalb eines lebenden Organismus. In der Sprache der Rechtswissenschaft: während des Beischlafs. Auf den Punkt gebracht heißt in vitro versus in vivo: Labor statt Sex!

Die Wegbereiter der In-vitro-Methode, und damit die Väter der Kinderwunschkliniken, waren zwei Briten: der Physiologe Robert Edwards und der Gynäkologe Patrick Streptoe. Edwards experimentierte bereits seit 1960 mit gespendeten Eizellen – und seinen eigenen Spermien. 1978 kam das erste Kind zur Welt, das in vitro (also im Reagenzglas) gezeugt wurde. Im Jahre 2010, drei Jahre vor seinem Tod, wurde Edwards dafür mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.

Die Umsatzentwicklung der In-Vitro-Reproduktionsmedizin ist heute atemberaubend. Von weltweit 34,7 Mrd. Euro im Jahre 2010 steigt der Umsatz auf geschätzt 61,8 Mrd. im Jahre 2020. Eine richtiggehende Industrie mit zahlreichen Kinderwunschkliniken ist entstanden. Das hat mehr Vor- als Nachteile. Durch den Anstieg der Fälle macht die Medizin auch in diesem Bereich rasante Fortschritte. Die Erfolgsquote von künstlichen Befruchtungen müsste deshalb stetig steigen. Bisher liegt sie pro Zyklus eher unter 20 Prozent als darüber. Dabei arbeiten die Kinderwunschkliniken in Europa auf ganz unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen. Die ethische Diskussion ist gerade erst voll in Gang gekommen.

Insemination und In-vitro-Fertilisation in der Kinderwunschklinik

Vor der In-vitro-Befruchtung steht im Normalfall die Insemination, das Einspritzen der Spermien in die Gebärmutter, die die meisten Kinderwunschklinken als ersten Schritt bei Kinderlosigkeit empfehlen. Die Erfolgschancen liegen hier bei etwa 15 Prozent pro Zyklus, ähnlich wie bei der In-vitro-Fertilisation. Bei der Insemination werden die Hindernisse auf dem Weg ins Ziel einfach übersprungen. Die Befruchtung selber ist dann „natürlich“, weil das Spermium sich sein Ziel von alleine aussucht. Führt dieser Weg nicht zum Erfolg, wird eine andere Abzweigung genommen. Die Kinderwunschklinik führt nun eine „künstliche“ Befruchtung durch: In-vitro. Die In-vitro-Methode besagt, dass im Labor ein ausgewähltes Spermium in die entnommene Eizelle injiziert wird. Ab hier nimmt alles seinen normalen Lauf, ob im Leib der leiblichen Mutter, oder in dem einer Leihmutter (neues Thema/Link).

„Die In-vitro-Methode besagt, dass im Labor ein ausgewähltes Spermium in die entnommene
Eizelle injiziert wird…

Immer mehr Paare – mittlerweile auch viele Alleinstehende – sind irgendwann damit konfrontiert, sich zu entscheiden, ob sie genau diesen Weg beschreiten wollen, oder lieber eine Adoption anstreben bzw. die Kinderlosigkeit akzeptieren. Dass sie sich dafür auch noch rechtfertigen müssen, weil jemand von „Halbwesen“ schwadroniert, ist, gelinde gesagt, unsäglich und zutiefst verletzend. Die betreffende Autorin hat bezüglich dieses intimen Moments eine Gelegenheit verpasst, einfach einmal den Mund zu halten.

Sich auf den Weg machen: Ursachenforschung

Der erste Schritt zur Insemination und zur künstlichen Befruchtung ist die Ursachenforschung in der Kinderwunschklinik. Die Frage nach dem „Warum“ der periodisch wiederkehrenden Enttäuschung scheinen bei Frau und Mann in unterschiedlichen Zonen des Gehirns eingehakt zu sein: bei der Frau im Bewusstsein, beim Mann im Unterbewusstsein. Die Frau begibt sich schnurstracks auf die Suche und lässt sich in der Kinderwunschpraxis auf Herz, Nieren und Gebärmutter durchchecken. Das männliche Geschlecht verbringt die Zeit lieber mit grüblerischem Nachdenken im Rahmen einer Kneipentour. Erst bei negativem Befund der Mutter in spe stellt sich der designierte Papa den Fakten. Es könnte vielleicht, eventuell, unwahrscheinlich aber nicht ausgeschlossen, auch an mir liegen. Männer scheinen sich in dieser Hinsicht der Wahrheit schwerer zu stellen als Frauen. Dabei zeigen Untersuchungen, dass gerade die Fruchtbarkeit des Mannes in unserer westlichen Zivilisation stark am Abnehmen ist, sowohl aufgrund der reduzierten Spermienzahl, als auch aufgrund morphologischer Probleme. Dazu kommen noch die Erbanlagen, in denen Unfruchtbarkeit bereits angelegt sein kann. Dem sollte man sich stellen, so schnell wie möglich. Eine entsprechende Untersuchung hat den Vorteil, dass Krankheiten eventuell vorher entdeckt werden. In den meisten Ländern werden künstliche Befruchtungen in den Kinderwunschkliniken ohne entsprechende Tests erst gar nicht durchgeführt.

Das Leben im Reagenzglas

Nach der Untersuchung auf Herz, Nieren und Prostata werden oft bettbasierte Versuche der Kinderzeugung eingestellt. Der Kopf steht den Eltern nach etwas Anderem. Das könnte es tatsächlich gewesen sein für die nächsten ein bis zwei Jahre. Schon findet Mann sich in der Kinderwunschklinik in einem sterilen, weißgekachelten Raum wieder, in dem eine abgegriffene Zeitschrift aus dem letzten Jahrtausend vergeblich eine erotische Atmosphäre zu imitieren sucht. Zum Glück funktionieren die meisten Männer mechanisch wie ein gut geschmierter Motorkolben.

Gleichzeitig durchläuft die hormonbehandelte Frau Stimmungsschwankungen wie bei einer Menstruation im Quadrat. Die ständigen Blutabnahmen, letztlich auch der Eingriff der Eiabnahme, das ist natürlich eine Tortur. Der Mann hat – wieder einmal – den einfacheren Part erwischt. Für ihn heißt es einfach nur zu warten bis die Ärzte der Kinderwunschklinik sich melden. Hoffentlich mit einer guten Nachricht: Die In-vitro-Maturation, das Reifen der Eizellen in der Petrischale, war erfolgreich. Es stehen befruchtete Eier zur Einpflanzung zur Verfügung.

Der Prozess der Einpflanzung im Hospital bzw. der Kinderwunschpraxis hat dann etwas Surreales. Das kleine Lebewesen, mein Kind, in einer Spritze aufgezogen, zack, drin, die Mama etwas ausruhen, fertig. So unspektakulär! Und danach wieder einmal: warten. Wir nützen die Zeit für einen kleinen Exkurs.

Exkurs: Schüttelt man(n) richtig, fällt der Apfel nicht weit vom Stamm

Es wäre eine wissenschaftliche Untersuchung wert, nachzuforschen, ob in-vitro-gezeugte Kinder dem Vater ähnlicher sehen als Balge, die aus natürlichen Zeugungsvorgängen hervorgegangen sind. So steil ist diese Forschungsfrage gar nicht. Die Labormitarbeiterin oder der Labormitarbeiter hat in der Kinderwunschklinik aus dem Reagenzglas natürlich das schnellste, größte, das aggressivste und neugierigste Spermium herausgeklaubt. Die Erbanlagen des Vaters werden sich also – eingebildet oder nicht – Bahn brechen, ganz sicher! In der Evolutionstheorie gibt es die Hypothese, dass Kinder bei der Geburt zunächst dem Vater ähneln. Eine evolutorische Notwendigkeit aus der Urzeit. Nimmt der Vater wegen Urheberrechtsstreitigkeiten die Kinder nicht an, sind sie an den Säbelzahntiger verloren. Das heißt aber auch, dass das Kind ein Spiegel des Vaters werden wird. So mag dann der eine oder andere ein Déjà vu erleben, eine Zeitreise zurück in die eigene Kindheit. Und der junge Vater mag erstaunt neu bewerten, was denn an Charaktereigenschaften und auffälligen Verhaltensmustern genetisch angelegt ist – und was der Erziehung geschuldet.

Zurück zur Natur: Schwangerschaft und Geburt

Eine durch künstliche Befruchtung initiierte Schwangerschaft ist genauso stabil oder instabil wie eine auf natürliche Art zustande gekommene. Gleichwohl ist anzunehmen, dass die Nervosität bei den angehenden Eltern nach einer In-vitro-Fertilisation größer ist als bei anderen, schließlich ist im Falle eines Abgangs eine große Chance dahin, vielleicht die letzte. Da der Mann in dieser Situation seine Hilflosigkeit deutlich spürt, ist es auch nachvollziehbar, dass er stetig zur Schonung der Schwangeren aufruft, als wäre sie chinesisches Porzellan aus der Ming-Dynastie. So war es für mich unvorstellbar, die vor langem gebuchte Reise nach Island auch anzutreten. Wahrscheinlich habe ich meiner Frau die Schwangerschaftsübelkeit nur eingeredet? (Nein, es gab handfeste Beweise). Ob Schonung hilft, ist zumindest umstritten, aber es ist psychologisch durchaus nachvollziehbar. Die angehende Mutter sollte es einfach genießen, dass der Mann ohne größeres Gemeckere schon zum dritten Male an diesem Wochenende den Chocolatier auf der Suche nach Pralinen frequentiert, ganz ohne schlechtes Gewissen, das, laut meines allwissenden Freundes B, grundsätzlich und stetig penetranter Begleiter der weiblichen Psyche sei.

Bleiben da noch die allfälligen körperlichen Beschwerden der Mutter. Jeder kleine Blutfluss unterhalb der weiblichen Gürtellinie ist in der von Torschlusspanik und dem Gefühl der Hilflosigkeit geprägten Männerpsyche eine mentale Atombombe. Der ungeplante Gang in die Kinderwunschklinik ist ein funktionales Äquivalent zum Trauerzug. Wenn der Echograph dann Lebenszeichen aufzeichnet, ist man sich nicht einmal sicher, ob das Erleichterung ist – oder nur Leere.

Eins, zwei oder drei, du musst dich entscheiden, denn bald ist‘s vorbei

Ist dem Geburtsregister dann ein neuer Name hinzugefügt, beginnt die Phase des ganz normalen Wahnsinns, dem in diesem Blog in vielerlei Hinsicht auf den Nabel gegangen wird. Auch der Vater lernt mit weniger Schlaf zu leben, Windeln zu wechseln, beschäftigt sich mit Zufütterung, Krippenplätzen, macht sich Gedanken über Elternzeit für Väter und kauft schon einmal das erste Fußballtrikot vom Lieblingsverein, in das der Kleine dann im Laufe der nächsten fünf Jahre hineinwächst. Die Kinderwunschklinik ist jetzt schon meilenweit entfernt, Frauenarzt und Kinderarzt übernehmen. Aber nach etwa einem Jahr stellt sich die Frage nach Geschwistern. Damit naht die Entscheidung, ob man den ganzen Prozess noch einmal mitmachen möchte.

Bei manchen – und das sind wohl gar nicht wenige – stellt sich plötzlich Nachwuchs ohne Nachhilfe der Kinderwunschklinik ein. Verhütung? Wurde natürlich nicht gemacht, warum auch? Umso größer dann die Freude, dass sich das Geschwisterchen einfach so einstellt. Damit gerät schnell in Vergessenheit, dass, in einem Land über den sieben Bergen, an einem Sehnsuchtsort namens Kinderwunschklinik, befruchtete Eizellen kryokonserviert (eingefroren) lagern. Deren Schicksal wurde zu Zeiten angerissen, als es unklar war, ob es je auch nur mit einer einzigen Eizelle klappen könnte. Doch nun kommt die Zeit der Entscheidung unwiderruflich, weil sich die Zeit der Familienplanung biologisch bedingt zu Ende neigt.

Diese Entscheidung ist alles andere als einfach. Selbst das Einsetzen mag für einige nicht mehr in Frage kommen, sei es wegen der kompletten Auslastung mit den real existierenden Kindern, sei es wegen des Alters, der finanziellen Situation oder was auch immer. Die grundsätzliche Entscheidung ist nun, ob man die befruchteten Eizellen den Forschungseinrichtungen der Reproduktionsmedizin übermitteln, oder lieber kinderlosen Paaren zur Verfügung stellen möchte. Der erste Reflex ist oft: natürlich denjenigen weitergeben, die ähnlich verzweifelt sind, wie ich es damals war. Gleichwohl sind weder die rechtlichen Konsequenzen einer Spende absehbar, noch die psychologischen Folgen klar. Was ist, wenn nach 18 Jahren ein „fremdes“ Kind vor meiner Tür steht und das Studium finanziert haben will? Wie die rechtliche Lage später sein wird, kann heute niemand seriös sagen, weil hier europa- und menschenrechtsrechtsrelevante Fragen auftauchen, die nicht nur das deutsche Grundgesetz betreffen, sondern auch die Europäische Charta der Grundrechte, somit nicht nur Karlsruhe zuständig ist, sondern auch Luxemburg und Straßburg. Abseits rechtlicher Themenkomplexe stellt sich für einen selber die Frage, wie man damit umgeht, seinen in der Kinderwunschklinik verbliebenen leiblichen Kindern nicht die gleichen Chancen geben zu können wie denjenigen, die man aufzieht. Auf jeden Fall ist die Vorstellung etwas gruselig, dass irgendwo da draußen leibliche Kinder von einem herumlaufen, von denen man nichts weiß. Aber dass diese Kinder keine Chancen haben zu leben, ist natürlich noch viel gruseliger. In dieser Frage kann es eigentlich keine Ratschläge geben, nur den, sich die Entscheidung nicht einfach zu machen.

„Auf jeden Fall ist die Vorstellung etwas gruselig, dass irgendwo da draußen leibliche Kinder von einem herumlaufen, von denen man nichts weiß. Aber dass diese Kinder keine Chancen haben zu leben, ist natürlich noch viel gruseliger…

Schlussendlich: Die Kinderwunschklinik ist einen Versuch wert

Eine Kinderwunschpraxis aufzusuchen, mag einigen schwerfallen. Aber trotz aller Schwierigkeiten: Wo Hilfe angeboten wird, sollte man sie annehmen. Dem Manne sei insgesamt an die Hand gegeben, sich so schnell wie möglich dem proaktiven Verhalten seiner Lebenspartnerin anzugleichen. Das eigene Ego ist kleinzuhalten, der Verstand einzuschalten, keine Möglichkeit darf ausgeschlossen werden. Je früher sich man der eigenen Kinderlosigkeit medizinisch stellt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinderwunschklinik helfen kann. Nichts ist für einen selber unangenehmer, als wenn man im Alter selbstbemitleidend klagt: Hätte ich nur alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Blieb auch die Kunst der Reproduktionsmedizin fruchtlos und die Hilfe der Kinderwunschklinik ohne zählbaren Erfolg, kann man sich in aller Ruhe eingestehen, dass es auch gelungene Lebensentwürfe ohne eigene Kinder gibt.